Michelin rettet Ihle Baden-Baden – Übernahme der Not gehorchend

Dienstag, 30. September 2014 | 1 Kommentar
 
Michelin rettet Ihle Baden-Baden - eine Übernahme der Not gehorchend, wie sich auf den zweiten Blick zeigt
Michelin rettet Ihle Baden-Baden - eine Übernahme der Not gehorchend, wie sich auf den zweiten Blick zeigt

Entgegen früheren Spekulationen dieser Zeitschrift, die Übernahme der Reifen Ihle Baden-Baden AG durch Michelin sei seit Jahren still und leise bereits vorbereitet gewesen, liegen jetzt ausreichende Hinweise dafür vor, dass die Manager des Reifenherstellers doch nicht so visionär, strategisch weit vorausschauend handelten als man einen Moment lang zu glauben bereit war. Und Ihles Eigendarstellung „als Europas leistungsstärkster Großhändler für Reifen, Felgen und Kompletträder können wir behaupten, in der Summe der Leistungen unschlagbar zu sein“, galt längst nicht mehr. Durch Michelins Eintritt konnte Ihle vor einem Siechtum oder selbst einem Insolvenz-Szenario bewahrt werden. Spätestens im Verlauf des Jahres 2011 geriet Ihle in tiefes Fahrwasser und wird, die Zustimmung des Kartellamtes vorausgesetzt, nunmehr kurz vor dem Untergang durch Michelin gerettet.

In der NEUE REIFENZEITUNG wurde Ihle kürzlich noch „als gesundes, erfolgreiches Unternehmen“ beschrieben, in welchem sich im Geschäftsbericht 2012 jedenfalls „keine Notlage abzeichnet“. Diese Einschätzung war unrichtig, weil – begünstigt durch eine Reihe von Rechtsform- und Namensänderungen – bis dato nicht zur Kenntnis genommen worden war, dass die Stunde der Wahrheit heutzutage in den Büchern der Consus Holding GmbH und hier im Konzernabschluss (Ihle Baden-Baden AG und alle Ihle-Auslandsgesellschaften) niedergeschrieben ist. Zwar gehören die ausländischen Ihle-Gesellschaften alle der Ihle Holding Baden-Baden. Dort bestand aber keine Notwendigkeit und kein Zwang zum Beispiel zur Veröffentlichung der Umsätze. Die Konsolidierung findet im Consus-Konzernabschluss statt und ist nur für das Jahr 2011 veröffentlicht, für 2012 längst überfällig, von 2013 erst gar nicht zu reden. Damit ist man jedenfalls reif für ein Ordnungsgeldverfahren durch das Bundesamt für Justiz  und hat das prima vista in Kauf genommen. In geordneten Verhältnissen geschieht so etwas nicht. Was lässt sich daraus ableiten?

Das Jahr 2011 ist ein in jeder Hinsicht sprunghaftes Jahr. Der Konzernumsatz stieg von 210 (2010) auf 245,5 Millionen Euro, auch der Rohertrag hielt im Wesentlichen noch Schritt. Im Inland wurden etwa 22 Prozent und im Ausland 78 Prozent des Umsatzes generiert. Doch nach einem Konzernjahresüberschuss von 6,2 Millionen Euro (2010) stellte sich 2011 ein Verlust von 4,2 Millionen Euro ein. Viele weitere Positionen mit ihren großen Sprüngen sind ohne weitere Erläuterungen nur schwer zu interpretieren. So stiegen die Bankschulden von 4,9 (2010) auf 32,6 Millionen Euro, die Lieferantenverbindlichkeiten von 36,5 (2010) auf 56,3 Millionen Euro. Sonstige betriebliche Aufwendungen sprangen von 27 (2010) auf 39,8 Millionen Euro. Sehr schwer zu erkennen, was darunter zusammengefasst sein könnte.

Der Anstieg der Lieferanten- und Bankverbindlichkeiten wird teilweise mit höheren Lagerbeständen, die eine Warenverfügbarkeit besser als zuvor sichern sollen, begründet. Maßgeblich für die Verlustsituation seien Währungskursverluste in Höhe von 4,5 Millionen Euro in Verbindung mit einer massiven Aufwertung des Schweizer Franken gewesen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen einige Informationen aus der Vergangenheit auch in einem anderen Licht. Das Gerücht, Ihle sei zeitweilig für Lieferanten nicht mehr versicherbar gewesen, dürfte zutreffend sein. Die meisten Reifenhersteller, also Kernlieferanten, verzichten auf Kreditversicherungen, sodass sich daraus keine Einschränkung ergeben haben mag und die Wirtschaftsprüfer dies nicht einmal gewusst haben müssen. Zudem gibt es unterschiedlichste Gründe, warum Lieferungen an ein Unternehmen nicht versichert werden, ohne dass sich ein Ausfallrisiko abzeichnet. Dass die Geschäfte bei Ihle rückwärts laufen (wo in der Branche auch nicht?), wird im Geschäftsbericht 2012 der Ihle Baden-Baden AG thematisiert. Restrukturierungen sind angekündigt, weil eine Verbesserung der allgemeinen Marktsituation kurzfristig nicht erwartet werden könne. Dass Verhandlungen mit einem Bankenpool 2013 ins Haus stehen, wurde mitgeteilt, aber auch hier ist mit keinem Wort erwähnt, dass es zu Problemen kommen könnte. Große Reifenhersteller sollen Ihle seit 2012 mit Valuta-Zusagen entgegengekommen sein. Da diese über ihre Kundenbeziehungen keine Auskünfte erteilen, ist es schwer zu verifizieren. Beschaffungsprobleme haben jedenfalls nicht vorgelegen.

Ihle Baden-Baden leidet unter einem Verfall der Roherträge, die sich von rund 25 Millionen Euro (2011) auf rund 20 Millionen Euro (2012) nach unten entwickelten. Es gehört wenig Phantasie dazu, sich einen weiteren eklatanten Verfall auch im Jahr 2013 (noch nicht veröffentlicht) vorzustellen. Und auch 2014 hat die große Wende nicht bringen können. Nach gutem Beginn (Gesamtmarkt) zeigten die Zahlen schon im 2. Quartal Richtung Süden, und nach allem, was bisher bekannt ist, setzt sich dieser Trend im 3. Quartal fort. Schon möglich, dass der Gesamtmarkt 2014 wieder auf das Niveau von 2012 rutschte. Das sind schlechte Voraussetzungen für Unternehmen auf der schiefen Ebene, sich wieder fangen zu können.

Wie aus Kreisen des Reifenherstellers zu hören war, erfolgte der Verkauf nicht „aus freien Stücken“, sondern wegen einer „entstandenen Verkaufsnotwendigkeit“. Wenn auch eine deutsche Michelin-Gesellschaft den Kauf vornimmt, können sich die deutschen Manager schnell einen schlanken Fuß machen, denn Ihle war, ist und bleibt ein „Frankreich-Kunde“. Damit kommt zum Ausdruck, dass Ihle in Frankreich am umsatzstärksten ist, weitaus umsatzstärker als in Deutschland und dort für Michelin auch eine wichtige Stütze in Verkauf und Logistik bildet.

Das Scheitern von Ihle wirft eine entscheidende Frage auf: Haben unabhängige Großhändler im Reifengeschäft noch eine Zukunft oder ist das Geschäft viel zu leicht und dank der vielen Online-Portale viel zu transparent geworden, sodass es jeder betreiben kann und zudem nur noch der Preis alleine zählt? Gibt es sie noch, die gewachsenen Lieferanten-/Kundenbeziehungen oder werden die Geschäfte mehr oder weniger anonym abgewickelt, ersetzen Kampfpreise Marketing? Man bekommt einen Reifen zum Preis X und interessiert sich im Grunde nicht dafür, wer liefert, sondern nur dass geliefert wird und dass zuverlässig und pünktlich geliefert wird. Online-Portale erzwingen „Preispflege“ mit geradezu affenartiger Reaktionsgeschwindigkeit. Wie bei den Ölgesellschaften verändern sich im Zweifel Preise stündlich, nach unten selbstredend.

Was zählt nun zum Kerngeschäft eines Reifengroßhändlers? Ist der Reifengroßhandel schon heute nur der beste Spediteur? Weil sich Besserungen oder Änderungen nicht abzeichnen, könnten Großhändler ihre besten Zeiten bereits hinter sich haben. Und wer jetzt noch ein wenig weiter denkt, kann sich bei den Großhändlern bald Schmalhans als Küchenmeister vorstellen. Das ist doch kein verlockendes Szenario mehr.

Unter Zugrundelegung dieser Betrachtungsweise ist es so unwahrscheinlich gar nicht, dass der Ihle-Vorstandsvorsitzende Dr. Fabian Bohne die derzeitigen und die künftigen Grenzen klar erkannt und sich für den Ausstieg (Verkauf) entschieden hat, bevor Zweifel an der Ihle-Bonität noch besser begründet sein könnten.

Und die Zeit drängt tatsächlich. So erwähnt der Geschäftsbericht 2012 nüchtern und trocken: „Das wirtschaftliche Eigenkapital liegt mit 17,6 Mio. EUR über Vorjahr (15,5 Mio. EUR). Die wirtschaftliche Eigenkapitalquote (unter Berücksichtigung von Nachrangdarlehen des Gesellschafters) erreicht gute 21,0 % (Vorjahr 17,6 %).“ Hier ist zu konzedieren, dass zwar viele von den Herstellern finanzierte Händler bei weitem nicht an eine solche Quote herankommen, es aber auch durchaus (noch??) andere Reifengroßhändler mit weitaus besserer Eigenkapitalquote gibt. Allerdings ist die Betrachtung der Eigenkapitalquote „trickreich“. Ein Gesellschafterdarlehen von sieben Millionen Euro wird, vereinfacht dargestellt, zu Eigenkapital dadurch, dass es nachrangig gemacht wurde. Zieht man diese sieben Millionen Euro vom Eigenkapital ab, rutscht natürlich auch die Eigenkapitalquote mächtig nach unten.

Ihle hatte bereits im Jahr 2006 im „Sale Lease Back“-Verfahren die Lagerhallen an die Union Investment verkauft. Geschäftsberichten ist zu entnehmen, dass der Kaufpreis bei 15 Millionen Euro gelegen hat, während der Verkaufspreis an die Union Investment um 22 Millionen höher, also bei 37 Millionen Euro lag. Das ist eine frohe Nachricht, allerdings musste Ihle sich auf einen zwölf Jahre langen Mietvertrag einlassen und hat seitdem Gelegenheit, der Union Investment diese 37 Millionen mit Zinsen zurückzahlen zu dürfen. Die Union Investment verschenkt nichts. Also mit anderen Worten: Einem einmaligen Geldregen folgen viele Jahre mit hohen Mieten. Und solche „Sale Lease Back“-Verfahren gab es mehrere, u. a. mit SAP Software. Diese Vorgehensweise kann dann vernünftig sein, wenn die Verkaufserlöse so investiert werden können, dass diese mehr Früchte einbringen als die durch Verkauf eingefangenen Mietkosten, sie können sich aber auch als der Anfang vom Ende erweisen. Und hohe Mieten relativieren sich, wenn ein Unternehmen Jahr für Jahr hohes Wachstum erreicht.

Geschäftsberichte klingen oftmals nett, aber sie müssen dennoch im Kern der Wahrheit entsprechen und erkennbare oder eingetretene Risiken beim Namen benennen. Dessen sind sich Wirtschaftsprüfer sehr wohl bewusst. Auf der eigenen Website kann Ihle schon risikofreier auf die Pauke hauen. Das Unternehmen beschreibt sich als „leistungsstärkster Großhändler“ und „in der Summe der Leistungen unschlagbar“. Das ist schon dick aufgetragen. Was soll’s denn? Man ist nun mal in Muggensturm sehr selbstbewusst. Wäre die Ihle Baden-Baden AG unschlagbar, warum sollte eine solche Perle an Michelin verkauft werden? Warum hat Michelin erst knapp 20 Prozent an der Ihle-Holding AG übernommen und wann? Mit 20 Prozent hat man doch nichts zu melden, muss nur zahlen. Und so drängte sich zu schnell der Verdacht auf, dass Michelin schon vor einigen Jahren diesen Einstieg gewählt hat und mit weiteren Verträgen für ausreichenden Einfluss sorgte und auch regelte, wer wann zu welchen Preisen die restlichen 80 Prozent kaufen darf oder verkaufen muss. Die Industriellen agieren doch gerne langfristig, strategisch, visionär. Doch vorliegend hätte man mit Gedanken solcher Art den Entscheidungsträgern zu viel Weitsicht unterstellt, weil diese Spekulationen wie Seifenblasen zerplatzen, weil – jedenfalls bis Ende 2012 – die Consus AG (vormals Ihle Holding-AG) alle Aktien gehalten hat. Wäre Michelin da schon im Besitz von 20 Prozent gewesen, könnten nicht 100 Prozent woanders liegen.

Das Ihle-Geschäftsmodell hat in den ersten zehn Jahren des noch jungen Jahrtausends unter der Führung des CEO Dr. Bohne sehr gut funktioniert. Keine Jobberei, keine Ein- oder Zukäufe über Graumärkte, sondern Partnerschaft mit den Reifenherstellern war angesagt. Und von Beginn an gab es eine sehr gute und enge Beziehung zum Michelin-Konzern. Wie kein anderer war Ihle in der Lage, auch Kleinmengen quer durch Europa zu liefern, und das zu einem Zeitpunkt, als Reifenhersteller sich auf immer weniger Kunden ab einer bestimmten Größenordnung konzentrierten. Mit Großhändlern wie Ihle zeichneten sich Möglichkeiten ab, die Konzentration auf Großkunden wagen zu können, ohne dabei die Aufträge Tausender kleiner bis zu Kleinstkunden zu verlieren. Das war u. a. für Michelin von Bedeutung, weil Ihle auch in europäischen, vorzugsweise zentraleuropäischen  Ländern aktiv war, in denen Michelin selbst noch gar keine eigene Distributionsbasis aufgebaut hatte. Professionell arbeitende Großhändler waren hier der Industrie voraus, sie beherrschten das große Feld der Logistik nahezu optimal und zu Kosten, zu denen Großkonzerne nur staunen sollten. Doch das Internet und die damit verbundene Transparenz haben in den letzten Jahren für völlig neue Marktbedingungen gesorgt, auf welche der Großhandel noch keine richtige Antwort gefunden hat. Und es ist verdammt schwierig, darauf eine passende Antwort zu finden.

Michelin hat es da leichter. Ein Reifenhersteller pflegt seine Marke, ob mit oder ohne Großhandel. Dann muss er „nur“ noch dafür sorgen, dass seine Waren in kürzestmöglicher Zeit zu niedrigsten Kosten zum Kunden kommen. Insofern ergibt die Ihle-Akquisition für Michelin auch Sinn, denn die gesamte Ihle-Logistik gilt es zu nutzen und auszubauen. Dabei muss sich Ihle auch nicht auf ein Zentrallager beschränken, sondern könnte „Zugriff bekommen“ auf viele weitere Michelin-Läger europaweit.

Europaweit ist ja längst Bewegung im Großhandelsgeschäft feststellbar. Die Pon-Gruppe ist als leistungsfähiger Anbieter hinzugekommen, van den Ban bei Intersprint gelandet. Ihle geht an Michelin. Es geht weiter und, wenn nicht alles täuscht, dann werden wir bald den ersten Insolvenzfall dabei haben. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

 

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Kategorie: Markt, Werkstatt

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