Kommentar: Auch ganz allein kann man doppelt verlieren

Dienstag, 23. August 2016 | 0 Kommentare
 
Auch beim Motorrad-Grand-Prix gibt es immer einen, der schneller unterwegs ist als man selbst: Echte Sportler sollten so etwas anerkennen können, ohne die Schuld für das vielleicht hinter den Erwartungen zurückgebliebene eigene Abschneiden dann allein bei den Reifen zu suchen
Auch beim Motorrad-Grand-Prix gibt es immer einen, der schneller unterwegs ist als man selbst: Echte Sportler sollten so etwas anerkennen können, ohne die Schuld für das vielleicht hinter den Erwartungen zurückgebliebene eigene Abschneiden dann allein bei den Reifen zu suchen

Als es in Rennserien wie der Formel 1 oder im Motorrad-Grand-Prix noch Wettbewerb zwischen verschiedenen Reifenherstellern gab, wurden von so manchem Fahrer des Öfteren seine schwarzen Gummirundlinge dafür verantwortlich, wenn es mal wieder nicht zum Sieg gereicht hatte. Denn die Produkte des jeweils anderen Herstellers seien ja besser gewesen im Rennen als die eigenen, so die dann meist zu hörende Erklärung.

So etwas zieht in den beiden genannten Serien sowie allen anderen, wo es einen Alleinausrüster diesbezüglich gibt, natürlich nicht mehr. Denn seither kommt ja ebenso der jeweilige Sieger des Rennens auf Reifen der Marke X ins Ziel wie der Letztplatzierte. Exklusivausrüster in Sachen Rennreifen müssen per se also damit leben, die „Niederlagen“ aller Fahrer am dem zweiten Rang genauso auf ihrem Konto verbuchen zu müssen wie den einen Sieg des jeweiligen Gewinners feiern können.

Zu dieser an sich schon relativ unausgewogenen Bilanz kommt aber noch ein weiterer Aspekt: Denn die nicht so erfolgreichen Fahrer suchen trotz Reglement identischer Ausgangssituation, was die Bereifungsmöglichkeiten ihrer Fahrzeuge betrifft, die Schuld nicht selten nach wie vor beim Renngummi. Man denke nur an den mehrmaligen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, der zuletzt in Sachen der in der „Königsklasse des [vierrädrigen] Motorsports“ zum Einsatz kommenden Pirelli-Reifen das ein ums andere Mal Schaum vor dem Mund hatte.

Oder man wirft aktuell nach dem Rennwochenende im tschechischen Brünn einen Blick in die einschlägige Motorsportpresse und liest dort viel Kritisches sowohl über Michelin – Ausrüster im MotoGP-Klassement – als auch in Sachen von Moto2-/Moto3-Reifenpartner Dunlop. So hat der in der „Königsklasse des [zweirädrigen] Motorsports“ startende Ducati-Fahrer Andrea Dovizioso demnach im Qualifying nicht nur mit Vibrationen seiner Maschine zu kämpfen gehabt, wofür er seinen Vorderradreifen als Schuldigen ausgemacht hat. Im Rennen musste er dann vorzeitig aufgeben, weil – wie er gegenüber Speedweek zu Protokoll gegeben hat – „die Fetzen aus dem Reifen“ geflogen seien.

Insofern habe der MotoGP-Reifenausrüster eben „nicht alles unter Kontrolle“ lautet der Vorwurf in Richtung Michelin, während die Moto2-Fahrer Jonas Folger und Marcel Schrötter andererseits über Dunlop geschimpft haben sollen. Als Grund dafür werden im Qualifying zu schnell abbauende Reifen bzw. zum Teil erhebliche Schwankungen beim „Funktionieren“ der Renngummis angeführt. Schrötter sprach gegenüber Speedweek gar von einer „Katastrophe“ sowie „Frechheit“ und zog zudem in Zweifel, ob seine Dunlop-Reifen denn wirklich rund gewesen seien.

Spätestens an dieser Stelle sollte man als geneigter Leser des Ganzen derartige Kritik einzuordnen wissen: Vielleicht wäre es besser, vor einem Interview erst einmal ein wenig Zeit vergehen lassen, damit direkt nach dem Qualifying oder Rennen der Frust über ein hinter den Erwartungen zurückgebliebenes Abschneiden nicht an die Stelle einer sachlich fundierten Analyse tritt. Mit für die Allgemeinheit ohnehin in der Regel nicht nachprüfbaren Schuldzuweisungen einen Hersteller gleich noch ein zweites Mal zum Verlierer zu machen ist halt bequemer als wenigstens ein bisschen Selbstreflektion. christian.marx@reifenpresse.de

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Kategorie: Motorsport, Produkte

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